Die Insel
Forschungsreise · Staffel 1 · Folge 1
Mit dieser Folge beginnt die erste Staffel von „Forschungsreise“. Neue Folgen erscheinen wöchentlich. Wer die Fortsetzung direkt erhalten möchte, kann „Forschungsreise“ am Ende der Seite abonnieren.
Kapitel 1
„Ein Element des Erfolges, egal in welchem Beruf, ist die Lust am Handwerk.“ Irène Joliot Curie (Physikerin und Chemikerin)
Die Schlaglochpiste ist eine Zumutung im Sommer und eine Katastrophe im Winter - heute ist ein regnerischer Septembertag, also irgendetwas dazwischen. Angespannt lenkt Elena den Wagen über die holprige Straße, die vom Festland hinüber zum Institut führt.
Die Insel ist gerade mal zwanzig Kilometer von Elenas Zuhause entfernt. Es wäre eine schöne Fahrradstrecke, perfekt für ein tägliches Training, aber der Wind an der Küste ist stark und so nimmt Elena meist den alten Polo, den ihre Tante schon verschrotten wollte.
Sie weiß, dass sie nicht besonders gut fährt. Es fehlt ihr an erfahrenen Kilometern, so formuliert das jedenfalls ihr Vater. Konzentriert runzelt sie die Stirn, während ihr Blick die Straße vor ihr abtastet. Kurz blendet ein Sonnenstrahl auf, dann ist die Strecke wieder dunkel und grau.
Die schnellen Scheibenwischer und das unregelmäßige Holpern von Schlagloch zu Schlagloch fordern Elenas ganze Aufmerksamkeit. Trotzdem wandern ihre Gedanken immer wieder zu ihrer Bewerbung: Sie will, möglichst noch 2019, nach China. Sie hat einen Aufenthalt als Gastwissenschaftlerin beantragt und wartet auf die Bestätigung durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst. Ihre Unterlagen sind mustergültig, ihr Vorhaben ist ihrer Ansicht nach logisch und durchdacht, nun müssen nur noch die Chinesen zustimmen. „China“, „China“, „China“ skandieren die Scheibenwischer, während sie durch den Regen rumpelt.
Elena ist neunundzwanzig. Das ist nicht alt, doch sie spürt, wie die Zeit drängt, und beschleunigt unwillkürlich den kleinen Wagen.
Als ihre Fahrt endet, hat der Regen aufgehört. Elena zieht den Zündschlüssel und genießt kurz die Stille. Dann verschließt sie den Wagen und geht zum Eingang. Vorsichtig vermeidet sie, mit ihren Sneakers in eine Pfütze zu treten. Der Wind presst ihr eine Strähne ihrer dunkelbraunen Haare ins Gesicht. Sie streift das Haargummi vom Handgelenk und bindet sich einen Pferdeschwanz.
In der Forschungsanstalt werden seit über hundert Jahren Tierseuchen untersucht. Heute wirkt das Institut, als gehöre ihm die ganze Insel. Fremde kommen unbehelligt nur bis zum Parkplatz. Dahinter beginnt das gesicherte Areal: meterhohe Zäune, Stacheldraht, Labore, in denen an tödlichen Erregern geforscht wird.
An der Sicherheitsschleuse wird wie jeden Tag ihr Ausweis geprüft, erst dann darf sie das Areal betreten. Das hohe Drehkreuz erinnert an das aus dem Schwimmbad ihrer Kindheit, an die Rufe, das Lachen, das Platschen und den Geruch von Chlorwasser und Sonnencreme. Und seit damals vermeidet sie sorgfältig, die Holme der Sperre zu berühren.
Sie bringt das Tor mit der Schulter in Drehung und eilt mit ihren neuen, immer noch optimistisch weißen Sneakers weiter, hinauf zu ihrem Arbeitsplatz. Der Flur auf ihrem Stockwerk ist menschenleer, der typische Laborgeruch ist durch eine helle Schwefelnote dominiert.
Auf ihrem Weg sieht Elena wieder auf die Wolken, ihre vom Wind lang gezogenen Formen. In der Stadt vergehen trostlose Herbstwochen unter einem gleichförmigen Hochnebel. Doch hier, an der Küste, ist der Himmel immer in Bewegung, er jagt Wolken über den Horizont und spiegelt sich in der Ostsee. Er bringt Regen, fegt ihn aber auch schnell wieder weg. Elena wird langsamer, die Wolkenformen ziehen sie in ihren Bann, bis unvermittelt ihre Chefin am Ende des Flurs auftaucht.
Jasmin sieht jünger aus als ihre knapp vierzig Jahre. Unter ihrem Kittel trägt sie eine Bundfaltenhose in der Farbe von Strandhafer. Mit ihren weißen Blusen, den gestärkten Laborkitteln und eleganten Stoffhosen hat Jasmin immer etwas Makelloses an sich. Auffallend sind ihre Nasenlöcher: Sie sind hoch geschnitten und lassen die perfekte kleine Nase etwas neugierig aussehen.
Elena will mit einem Guten-Morgen-Gruß weiter. Sie rechnet nicht damit, dass sie aufgehalten wird, denn Jasmin macht sich immer rar. Da hört sie sie fragen:
„Eleeena, hast du schon was von deiner China-Bewerbung gehört?“
Immer betont Jasmin ihren Namen falsch, zieht die zweite Silbe, als würde sie heißen wie die fromme Helene. Elena zuckt mit den Schultern.
„Nein, das wäre aber auch zu schnell.“ Sie steckt die Hände in die Taschen und betrachtet Jasmins rosige Haut, die Augen mit den hellen Wimpern, den glänzenden Pony. Im Labor kennt Elena niemanden, der einen freundschaftlichen Kontakt zu Jasmin hat.
Jasmin hebt ihr Kinn etwas und sagt: „Du weißt ja, dass ich davon nicht begeistert bin, dass du uns für mehrere Wochen verlassen willst.“
Als Elena darauf nicht gleich antwortet, fügt sie an: „Vielleicht bekommst du ja gar keine Zusage.“ Jasmin versucht, es wie einen Scherz klingen zu lassen. Ihr Standard-Gesichtsausdruck ist streng, sie verlässt sich gern auf die Autorität ihrer hochgezogenen Augenbrauen. Doch jetzt geraten sie mit dem Lächeln, das Jasmin aufsetzt, in Widerspruch.
Elena antwortet immer noch nicht. Natürlich weiß sie, dass ihre Chefin von ihrer Bewerbung in Wuhan nicht angetan ist, weil sie dann mehrere Wochen abwesend wäre.
Jasmin spricht Elenas Gedanken laut aus, aber sie formuliert sie wie eine Mahnung: „Du weißt auch, dass du deine Aufgaben im Labor nicht vernachlässigen darfst.“
„Nein, gewiss nicht“, antwortet Elena ausdruckslos. Mechanisch. Um glaubwürdig zu sein, hätte sie ihre Versicherung etwas leidenschaftlicher vorbringen müssen, merkt sie.
„Im schlimmsten Fall verlierst du Monate bei deiner Doktorarbeit“, versucht Jasmin, den Druck zu erhöhen.
Elena fragt: „Du hast China nie besucht, oder?“
„Nein, ich habe meinen Postdoc in den USA gemacht, das weißt du doch“, antwortet Jasmin und hebt dabei ihr Kinn wieder leicht an.
Elena wägt ihre Erwiderung ab, nickt kurz. Sie selbst war während ihres Studiums in Barcelona, in Washington und in Lyon. Das ist außergewöhnlich, das weiß sie nur zu gut. Es ist riskant, Jasmin darauf hinzuweisen, aber sie kann nicht widerstehen. Sie schaut aus dem Fenster, sagt scheinbar leichthin:
„In den USA war ich ja schon für meinen Bachelor. Aber Wuhan ist auch inhaltlich interessant, die Virensammlung dort fasziniert mich und ich möchte die Forschung in einem anderen Teil der Welt sehen, bevor ich meine Promotion abschließe.“
Jasmin senkt ihr Kinn wieder und lächelt andeutungsweise. Sie ist nicht naiv, hat die Spitze erkannt und verlegt die Plänkelei auf ein anderes Terrain:
„Willst du denn danach in der Forschung bleiben?“ Sie lässt ihre Frage übertrieben erstaunt klingen.
„Ich weiß noch nicht“, erwidert Elena zögerlich, wobei sie wieder ausdruckslos vor sich hinstarrt. Dabei stimmt das überhaupt nicht. Sie weiß schon seit ihrer Teenagerzeit, dass sie forschen will, um Krankheiten zu bekämpfen. Auch Jasmin weiß ganz genau, dass Elena in der Forschung arbeiten will. Aber diese scheinbar ahnungslose Rückfrage ist kein schlechter Schachzug, das muss Elena zugeben.
„Na siehst du,“ fährt Jasmin während Elenas Zögern fort, „du weißt ja noch gar nicht, wo es hingehen soll, und lenkst dich nur ab. Du kannst dir das mit China immer noch mal überlegen.“
Elena sagt darauf nichts mehr. Jetzt nicht übertreiben. Höflich nickend lächelt sie und wechselt das Thema: „Jasmin, hast du eigentlich schon darüber nachgedacht: Wir hatten dich doch gebeten, einen größeren Proben-Kühlschrank für unser Team zu beantragen?“
Jasmin wendet sich schon zum Gehen, während sie den Kopf schüttelt. „Ihr müsst ein bisschen disziplinierter aufräumen“, sagt sie, „an der Größe eures Kühlschranks liegt es nicht.“ Damit verschwindet sie um die Ecke.
In der Sicherheitsstufe zwei arbeitet man ausschließlich mit abgetöteten Viren. Diese können nicht gefährlich werden, daher sind auch die Sicherheitsanforderungen nicht besonders hoch. Elena holt einen frischen Kittel aus dem Schrank und tauscht die Sneakers gegen ihre Laborschlappen. Aus dem Kühlschrank nimmt sie die Gehirnproben eines der tollwutverdächtigen Fuchses, die sie heute analysieren will.
An ihrem Arbeitsplatz zieht sie Einmal-Handschuhe über und nimmt das Gewebe mit unter den Glasschutz. Sie wiegt Stückchen von jeweils zehn Milligramm ab und gibt sie in Mikroreaktionsgefäße der Firma Eppendorf, die „Eppis“.
Sie sieht kurz auf und grüßt, als Dennis hereinkommt. Er hat sich die Schutzbrille in die Locken geschoben und wünscht ihr einen guten Morgen. Dennis ist etwa so alt wie sie selbst, er hat dunkles Haar, ist etwas größer als Elena und so dünn, dass es fast schon beunruhigend ist. Von allen aus dem Team ist er der Umgänglichste. Und er ist gut und wahrscheinlich so ehrgeizig wie sie selbst. Dennis sieht auf ihren Tisch und fragt:
„Gibts heute Hirn?“
„Yep!“ antwortet Elena, ohne den Kopf zu heben. Sie dreht den Regler am Pipettenhalter, um genau 250 Mikroliter des rosa TRIzols aufzunehmen. Ablenkung von Jasmin ist genau das, was sie jetzt braucht. Darum ruft sie in seine Richtung:
„Wenn dich jemand nach einer typischen Handbewegung in deinem Beruf fragen würde, was würdest du wählen?“ Und ohne auf seine Antwort zu warten, fährt sie fort: „Ich würde das Pipettieren nehmen.“
Elena sieht auf ihren rechten Daumen, der den Pipettierknopf bis zum ersten Druckpunkt schiebt. Sie hält ihn in dieser Position, während sie die Pipette senkrecht in das TRIzol taucht.
„Wenn man keine Ahnung hat, was ich in der Hand halte, könnte man annehmen, es sei ein Kuli und ich wüsste nicht, was ich schreiben soll.“ Sie sagt das nicht besonders laut, weiß nicht, ob Dennis sie überhaupt hören kann, es ist auch nicht wichtig.
Langsam gibt sie das TRIzol über der ersten Probe ab. Das Pipettieren wiederholt sie, bis sie zu jeder der winzigen Hirnproben die genau abgemessene Menge Flüssigkeit gegeben hat. Zittern darf man bei dieser Arbeit nicht.
„Man könnte auch denken, dass du im Zoo mit einem Klickzähler Schildkröteneier kontrollierst.“
Dennis steht schräg hinter ihr, als er das sagt. Sie hat ihn nicht kommen gehört. Sie überlegt einen Moment, während sie sich auf ihre Finger konzentriert.
„Stimmt. Oder ich zähle jedes Mal, wenn Jasmin ihre Augenbrauen sinken lässt“, sagt sie. Ihre Gedanken sind also doch wieder bei Jasmin gelandet.
Dennis lacht. „Da hast du nicht viel zu tun“, erwidert er.
Elena wartet einen Augenblick, ob er das noch ausschmückt, doch er ist schon weitergegangen.
Ihre Handgriffe sind die gleichen wie in Tausenden anderen Laboren weltweit. Die einmal benutzte Pipettenspitze löst sie ab — wieder mit einem Druck des rechten Daumens auf den Knopf, diesmal ganz hinunter bis zum dritten Druckpunkt. Sie lässt sie in den kleinen Tisch-Abfalleimer gleiten.
Mit einem winzigen Stößel homogenisiert sie das Gemisch in den Eppis und platziert sie in einer Tischzentrifuge, die etwa so groß wie ein Eierkocher ist. Darin kann sie zwölf Mini-Portionen auf einmal zentrifugieren.
Nebenan hat Dennis die große Ultrazentrifuge bestückt, man hört das Schließen der Abdeckung. Ein Piepen signalisiert, dass er Temperatur und Geschwindigkeit einstellt. Der Motor startet. Viel mehr als ein durchdringendes Sirren ist davon nicht zu bemerken. Es ist angenehm, dass noch jemand in der Nähe arbeitet. Es verbessert ihre Konzentration, wenn sie sich nicht alleine fühlt, sondern als Teil einer geschäftigen Einheit.
Tollwutviren sind ihr Thema. Deshalb will sie nach Wuhan.
